Stoffe des 18. Jahrhunderts

 

Die Wahl des Stoffes kann darüber entscheiden, ob das fertige Kleidungsstück so aussieht, wie es sich für das Jahrhundert gehört, oder wie ein Faschingskostüm. Dabei geht es noch nicht einmal primär um die Frage "Seide oder Kunstfaser?", denn es gibt durchaus Kunstfasern, die selbst das geübte Auge täuschen können, und Naturfasern, die wegen der falschen Farbe oder des falschen Musters völlig daneben sind.

Auf der Seite über historische Stoffe finden sich einige Hinweise, die für alle Epochen bis Mitte des 19. Jh. gelten. Das folgende beziehst sich speziell auf das 18. Jahrhundert, wobei das meiste davon für die gesamte Frühe Neuzeit gelten dürfte.

Material

Leinen war die traditionelle Faser für Weißwäsche wie Chemisen, Hemden, Fichus, Hauben, Schürzen, Taschentücher, aber auch Hauswäsche wie Tischdecken, Servietten oder Bettwäsche. Es gibt auch – selten – gesteppte Obergewänder aus weißem Leinen, z.B. im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg (eine Contouche und ein Knabenanzug), aber das dürften anhand der aufwendigen Verarbeitung Gewänder der Oberschicht gewesen sein.. Für Obergewänder der weniger Wohlhabenden aus Leinen gibt es nur wenige erhaltene Beispiele, z.B. einen Männerrock in Ludwigsburg. Möglicherweise wurde für Oberkleidung der arbeitenden Bevölkerung gefärbtes Leinen verwendet, vor allem aber Wolle. Wer es sich leisten konnte, bevorzugte Seide oder, wo es erlaubt war, bedruckte Baumwolle. Für wärmende Kleidung, Reit- und Jagdkleidung (für Frauen und Männer) verwendete auch die Oberschicht Wolle. Reit- bzw. Reisekleider und Justaucorps gab es auch aus Seidensamt, Männeranzüge aus (Seiden-) Cord. Überzeugende Hinweise darauf, daß auch nicht körperlich arbeitende Personen Oberkleidung aus Leinen trugen, habe ich bisher nicht gefunden.

Mit Baumwolle muß man vorsichtig sein, da sie als indische (später auch amerikanische) Importware in manchen Ländern verboten war, um die heimische Woll- und Seidenfabrikation zu schützen. Das gilt mit Ausnahme der letzten drei bzw. vier Jahrzehnte definitiv für England, Frankreich und Preußen, evtl. auch für andere Länder. Die Vorsicht wird aber auch oft übertrieben, weil die maßgeblichen Quellen meist aus eben diesen Ländern mit Baumwollverbot stammen.

Holland, Hamburg und Augsburg hatten nachweislich ab dem späten 17. Jh. eine gutgehende Industrie des Baumwolldrucks und -färbens. Siehe auch weiter unten unter "Muster". In ganz Süddeutschland und Sachsen scheint es keine Verbote gegeben zu haben. Wo nicht verboten, wurde weiße Baumwolle ähnlich wie Leinen für Wäsche verwendet, bedruckte für Frauenkleidung aller Art. Das Frauenzimmer-Lexicon von 1715, in Leipzig erschienen, zählt Baumwolle recht selbstverständlich unter die Wäschestoffe.

Es wird zwar häufig geschrieben, daß Baumwolle als Importware teu(r)er war war als heimisches Leinen (und daher für einfaches Volk unerschwinglich), aber die Quellen dafür stammen häufig aus den Ländern, in denen Importverbote bestanden - und illegale, geschmuggelte Ware ist meistens teurer als legale. Daß Baumwolle in diese Länder hineingeschmuggelt wurde, ist bekannt. Warum eigentlich? Irgendetwas muß an Baumwolle besser gewesen sein als an Leinen, sonst hätte niemand riskiert, beim Schmuggel erwischt zu werden. Aus persönlicher Erfahrung heraus würde ich sagen, daß es dies ist: Sie sieht aus wie der traditionelle Wäschestoff (Leinen), kann aber nicht so viel Flüssigkeit aufnehmen wie Leinen. Dadurch wird sie bei kühlem und feuchtem Wetter nicht so klamm wie Leinen - und schimmelt dadurch auch weniger leicht. Bei den eher kühlen und schlecht gedämmten Häusern damals war beides vermutlich ein starkes Argument. Außerdem ist Baumwolle von Haus aus heller als Leinen. Ungebleichte Baumwolle ist cremefarben, ungebleichtes Leinen hell-graubraun. Es war also leichter und mithin billiger, Baumwolle weiß zu bleichen als Leinen. Weiße Wäsche war schon lang vor dem 18. Jh. gleichbedeutend mit Sauberkeit, d.h. je heller die Wäsche, desto gepflegter war man.

Das alles muß nun nicht heißen, daß man im 18. Jh. eher Baumwolle als Leinen benutzte, im Gegenteil: Aus irgendeinem Grund – sei es Tradition, sei es ein praktischer Grund oder Preise – blieb Leinen bis ins frühe 20. Jh. die erste Wahl für Leib-, Bett- und Tischwäsche.

Die wirklich authentischen Materialien sind also Seide, Wolle, Leinen und z.T. Baumwolle. Für grobe Kleidung der Unterschicht auch Nessel (aber nicht das moderne, baumwollene Zeug dieses Namens, sondern wirklich aus Brennessel) und Hanf.

Achtung: Dupionseide ist nicht authentisch! Das gilt auch für andere Seidenarten mit deutlichen Verdickungen*, z.B. Wildseide (Tussah). Bourrette bzw. auch "Seidenleinen" eignen sich gar nicht. Die matt-weiche Waschseide und das viel zu flimsige Pongée und Crêpe de Chine eignen sich auch nicht, Crêpe Satin nur in Maßen (zu fließend), mit festem Futter drunter – aber die Verarbeitung macht überhaupt keinen Spaß. Für halbdurchsichtige Fichus, Häubchen und Schürzen können Chiffon und Organza schon mal herhalten, da normalerweise weder Leinen noch Baumwolle heute so fein zu kriegen sind, sind aber eigentlich auch nicht authentisch. Am besten für Kleider sind schwerer Taft, Atlas (=Duchesse-Satin), Faille (=Rips), Moiré, Damast, Brokat und Lampas (hierzu später) – wie überhaupt Stoffe eine gewisse Steifheit bzw. Stand haben sollten.

Webarten

Die drei klassischen Webarten - Leinen, Atlas und Köper - waren alle bekannt und in Verwendung, wenn auch nicht in all den erfinderischen Variationen wie heute. Es ist nicht jeder leinen-, atlas- oder köperbindige Stoff geeignet. Dünne Anzugwollen z.B. sind mit Vorsicht zu genießen; Gabardine gar ist definitiv ungeeignet, da erst im 19. Jh. erfunden. Rips, Samt und Cord kennt man heute noch. Moiré entsteht, wenn Taft oder Rips in einer speziellen Art gepreßt werden; es entstehen Glanzstellen, die den Effekt einer Holzmaserung haben. Von Cord habe ich sagen hören, daß er anders war als der heutige, aber ich habe noch keinen historischen Cord gesehen.

Es gab aber auch Variationen, die heute kaum noch in Verwendung sind.

Da ist z.B. der Damast als Abart des Atlas', der ein- oder zweifarbig gewebt wird. Mal tritt der Schuß deutlicher zutage, mal die Kette, und dadurch entsteht das Muster. Hat der Schuß eine andere Farbe als die Kette, ist das Muster zweifarbig. Haben beide die gleiche Farbe, wirkt das Muster durch unterschiedliche Reflexion des Lichtes.

Wollte man einen Seidenstoff mit Muster haben, bevorzugte man neben Damast die Broschierung, AKA Brokat. Dabei wird ein einfarbiger Grundstoff mit farbigen Seiden- und/oder Metallfäden durchschossen, die auf der Oberseite ein Muster bilden und auf der Rückseite lose herumhängen (flottieren). Die bevorzugten Grundstoffe hierfür waren Gros de Tours (eine Art Rips), Taft und vor allem Lampas. Lampas weist ein einfarbiges Muster auf, das aus Flottierungen gebildet wird. Das farbige Muster liegt dann wie eine zweite Ebene darüber. Dieser Stoff heißt Lampas liséré und ist der typische Stoff des mittleren bis späten 18. Jahrhunderts.

           
Lampas liséré, Vorder- und Rückseite. Die drei Farben der Broschur wurden sorgfältig gruppiert, so daß über eine gewisse Strecke hinweg nur jeweils eine Farbe eingewebt wird, was eine industrielle Fertigung erleichtert. 20. Jh., Reproduktion oder gut nachempfunden. Lampas liséré, Vorder- und Rückseite. Fünf Farben wurden weitestgehend durcheinander verwendet, was bei manueller Fertigung kein Problem ist, solang der Weber sich konzentriert. Das spricht für ein Original, wahrscheinlich um 1760-70. Man beachte den Farbunterschied zwischen der Vorderseite, die wohl Jahrzehntelang Tageslicht ausgesetzt war, und der geschützten Rückseite. Vor allem die dunkelsten Fäden haben sich auf der Vorderseite stark zersetzt. Wahrscheinlich wurden sie mit Hilfe von Eisensalz-Beizen gefärbt, die dafür bekannt sind, daß sie die Fasern langfristig schädigen. Lampas liséré einer Schnürbrust des späten 18. Jh. Lampas liséré einer Schnürbrust des späten 18. Jh.

 

Farben

Futterstoff auf Leinen, Ende 18. Jh. Rollendruck

Zitz, spätes 18. Jh. Blockdruck

Farben sind ein extrem schwieriges Thema, aus mehreren Gründen:

Um herauszufinden, welche Farben man verwenden und welche man meiden sollte, wenn man eine glaubwürdige Darstellung des 18. Jahrhunderts anstrebt, muß man einerseits die technischen Möglichkeiten der Färberei in Betracht ziehen, andererseits die Mode. D.h. wenn es technisch möglich war, Karamelblau zu färben, und man es schafft, ein Gemälde und/oder ein erhaltenes Kleidungsstück in Karamelblau zu finden, dann heißt das noch nicht, daß Karamelblau eine gängige Farbe war. Vielleicht existiert das Kleidungsstück nur deswegen noch, weil alle bisherigen Besitzer die Farbe abgrundtief scheußlich fanden und das Kleidungsstück im hintersten Eck des Speichers vergruben.

Bis Mitte des 19. Jh. wurden nur Pflanzenfarben und ein paar tierische Farben (v.a. Cochenille) verwendet. Im 18. Jh. war die Kunst des Färbens mit natürlichen Farbstoffen auf ihrem technischen Höhepunkt und konnte vermutlich jede denkbare Farbe erzeugen - zumindest auf Wolle und Seide – aber nicht in den knalligen Varianten, die erst durch chemische Verfahren möglich wurden. Pflanzenfasern wie Leinen und Baumwolle mit natürlichen Färbedrogen in kräftigen Farben zu färben war, wenn man den hohen Stand der Technik bedenkt, nicht unmöglich, aber sehr aufwendig und mithin teuer. Berühmt ist, gerade im 18. Jh., das Türkischrot, ein leuchtendes, mit Krapp auf Leinen oder Baumwolle gefärbtes Rot, das zu erzeugen ein 26tägiger Prozeß nötig war, den die Türken streng geheim hielten2

Für Darstellungen der Unterschicht muß daher zwischen Leinen und Wolle unterschieden werden: Leinen konnte ohne großen Aufwand nur Blau (Waid oder Indigo), Braun oder Grau bis hin zu Dunkelgrau (Walnußschalen, Galläpfel, Eichen- oder Erlenrinde) gefärbt werden. Das sind außer Natur und Beinahe-Weiß also die einzigen Farben für Leinenstoffe, die sich auch einfaches Volk leisten konnte. Wolle hingegen nimmt Farbe sehr bereitwillig an; hier sind fast alle Farben denkbar. Gelb und Oliv- bis Tannnengrün müßten die billigsten Farben gewesen sein, weil mit jedem zweiten Unkraut färbbar. Die Färbedrogen für Rot und Blau (Krapp und Waid) mußten extra angebaut werden, und Grün (außer Oliv) erforderte eine Doppelfärbung von Gelb und Blau, d.h. mehr Arbeitsgänge und daher höhere Kosten. Je dunkler, kräftiger eine Farbe war, desto teurer, weil mehr Färbedrogen und mehr Färbegänge nötig sind. Marineblau ist also um ein Vielfaches teurer als Hellblau.

Richtig schwarzes Schwarz erforderte sehr hoch konzentriertes Indigo, gefolgt von sehr sehr hoch konzentriertem Krapp und, je nach regionaler Färbetradition, einem weiteren sehr hoch konzentrierten Färbegang mit Reseda oder Behandlung mit Eisensalzen. Es gehörte nach echtem Purpurschneckenpurpur zu den teuersten Farbtönen... außer auf Wolle. Denn während Seide, Baumwolle und Leinen von Natur aus mehr oder weniger hell sind, gibt es Schafe auch in schwarz. Naja, eigentlich Dunkelbraun, aber mit nicht allzu viel Mühe läßt sich daraus auch Schwarz machen. Das erklärt wahrscheinlich, warum Schwarz in bürgerlichen und großbäuerlichen Trachten relativ häufig ist: Es ist Prestigeträchtig, weil eigentlich schwer zu färben, aber es gibt eine wirtschaftliche Abkürzung.

Für wohlhabende Leute war technisch fast alles möglich, zumal sie das schwer zu färbende Leinen wahrscheinlich nur für Weißwäsche verwendeten. Für Damen waren die Farben tendenziell eher blaß-pastell als leuchtend, z.B. Elfenbein, Silbergrau, Hellblau, Graublau, Blaßrosa etc. Ich sage bewußt "tendenziell", denn es gab durchaus dunkelblaue, leuchtendblaue, gackerlgelbe oder rote Gewänder, ja sogar in Komplementärfarben (Rot und Grün, in Ludwigsburg) gemusterte - nur eben weniger häufig. In der zweiten Häfte des Jahrhunderts nehmen leuchtende und dunkle Farben zu, ganz besonders im letzten Viertel. Darunter spielen Dottergelb, Rot, mittleres und dunkles Blau, Grün und Braun die wichtigsten Rollen. Auch die waren aber meist nicht so leuchtend wie die heutigen künstlichen Farben. Schwarz war mit diversen Bedeutungen belegt: v.a. Trauer, aber auch Strenge und Ernsthaftigkeit. Daher findet man es eher bei Männern als bei Frauen, die ja bekanntlich niemals ernsthaft sind. (har, har) Bei Frauen kenne ich es v.a. an Witwen und bei Redoutenkostümen, bei Männern u.a. an Priestern und Gelehrten und jenen, die als Gelehrte gelten wollten.

Was ich definitiv noch nicht gesehen habe, sind Orange, die ganze Palette von Pink über Violett bis Dunkellila, Lind- und Frühlingsgrün und Oliv in uni3. (Als Hintergrundfarbe gemusterter Stoffe findet man mitunter sogar diese.) Nicht, weil es technisch nicht möglich gewesen wäre, sondern weil es einfach nicht "in" war. (War Orange überhaupt je "in"?) Männerkleidung gab es in den gleichen Farben, neigte aber ein bißchen mehr zu gedeckten Tönen. Männeranzüge in altrosa gab es durchaus auch.

 

Muster

Wir alle, die wir Kleidung des 18. Jh. nachmachen wollen, neigen anfangs zu gemusterten Stoffen, weil die uns als besonders typisch erscheinen. Dem ist aber nicht so. Mit zunehmender Erfahrung lernen wir, daß es ungeheuer schwierig ist, wirklich geeignete Muster zu finden (die ersten Versuche stellen sich meist als dem 19. Jh. zugehörig oder gar als romantisierende Möbelstoffe heraus), und neigen immer mehr zu gestreiften oder einfarbigen Stoffen, zumal unifarbene Stoffe häufiger verwendet wurden, als man gemeinhin denkt. Ich selber bin mit zunehmender Erfahrung immer vorsichtiger geworden.

Die naheliegendste Musterung, die auch armen Leuten offenstand, war die Webmusterung, also einerseits z.B. verschiedenfarbige Streifen in der Webkette, kombiniert mit ein- oder mehrfarbigen Schüssen, oder umgekehrt, oder anderserseits Ab-Arten des Köpers wie z.B. Fischgrät und Spitzköper, Rautenköper und Diamantköper.

In der Datenbank habe ich ein paar Bilder von Stoffmustern, allerdings nur in schwarzweiß. Geh zur Expertensuche, gib bei "only select images of" als Wert "fabrics, lace" an und als Zeitrahmen 1700-1800. Außerdem gibt es nun eine Seite, auf der ich gut- und böse-Beipiele sammle.

Bei Seidenstoffen waren Muster meist eingewebt (Brokat oder Damast), selten auch von Hand aufgemalt - letzteres wohl v.a. bei indischen oder chinesischen Importen, die extra für den europäischen Markt gefertigt wurden4;. Baumwollstoffe gab es als Blockdruck bedruckt. Erst ganz am Ende des Jahrhunderts - in den 1790ern - kam der Rollendruck mit technisch bedingt kleinem Rapport auf.

Es erfordert einiges Studium, um ein Gefühl dafür zu kriegen, welche Muster für welche Zeit geeignet sind, denn die bevorzugten Muster änderten sich alle 10, 20 Jahre deutlich. Zu Anfang des 18. Jh. gab es z.B. Muster, die selbst erfahrene Leute nie dem 18. Jh. zutrauen und eher ins 20. Jh. datieren würden. Andererseits würden weniger erfahrene Leute Muster des mittleren 19. Jh. für geeignet halten. Es ist also sehr leicht, versehentlich ein falsches Muster zu wählen. Erst kürzlich sah ich auf einer Veranstaltung eine Jacke und einen Rock, die definitiv aus Bettwäsche der 20er oder 30 er Jahre des 20. Jh. gefertigt wurden. Schade um die schöne Bettwäsche!

Besonders schwierig ist es bei gedruckten Mustern, vor allem auf Baumwolle und Leinen. Die Technik erlaubt keine so fein schattierten und kleinteiligen Muster wie ein Brokat, so daß gedruckte Muster gewöhnlich abstrakter sind und weniger verschiedene Farben aufweisen. Die ersten 3/4 des Jahrhunderts waren nur Blaudruck üblich sowie Krappdrucke, die durch einen ganz speziellen Formen- und Farbenkanon charakterisiert sind: Die Muster sind floral, die Farben größtenteils in schwarz, rot und violett gehalten. Diese Drucke waren damals auch bekannt als Zitz oder Chintz ¹. Der heutige Begriff Chintz bezeichnet einen gewachsten und glänzend gewalzten Stoff, aber eigentlich leitet er sich von einem indischen Wort für "bunt" her und bezeichnete im 17./18. Jh. einen nach indischer Methode bedruckten Stoff. Das französische Wort für solche Stoffe war Indienne. Glaubhafte Reproduktionen sind heute kaum noch zu bekommen, und wenn, dann sehr teuer. Drucke für das letze Viertel des Jahrhunderts sind kaum leichter zu beurteilen und zu bekommen.

Wer darüber nachdenkt, einen bedruckten Baumwollstoff zu verarbeiten, sollte sich unbedingt dieses Video des Metropolitan Museum of Art ansehen, das die Herstellung von Zitzen zeigt. Wenn man das sieht, versteht man auch, warum nur bestimmte Farben möglich sind.

Unter dem Namen Toile de Jouy kann man noch heute bedruckte Baumwollstoffe erstehen, deren Muster auf das mittlere 18. Jh. bis frühe 19. Jh. zurückgehen, genauer gesagt auf eine Manufaktur, die Christophe-Philippe Oberkampf nach Aufhebung des französischen Baumwollverbots 1760 in Jouy-en-Josas gründete. Zwar sind die Muster - fast immer einfarbig Blau oder Rot auf Weiß oder Ecru, watteauartige Pastoralen, Chinoiserien oder Tiere und Blumen darstellend - authentisch fürs 18. Jh., aber schon damals waren diese Stoffe, genau wie heute, als Möbelstoffe gedacht. Für Kleidung kommt Toile de Jouy also nicht in Frage. Wer Vorhänge oder Kissen für historische Darstellung daraus fertigen will, sollte beachten, daß die klassizistischen Muster für vor ca. 1765 nicht geeignet sind und bis ca. 1780 als progressiv empfunden worden wären.

Das Fazit aus allem oben gesagten ist, daß es für den Anfang besser ist, auf Muster ganz zu verzichten. Wenn Du Dir die Bilder in der Datenbank anschaust, wirst Du feststellen, daß ungemusterte Stoffe nicht etwa seltener waren als gemusterte, sondern eher umgekehrt. Wenn Du unbedingt Muster haben willst, dann schau mal (und zwar richtig intensiv) in die Bücher, die ich hier gelistet habe, auf die Bilder in der Datenbank und auf meine "Gut-und-Böse-Seite". Auf Englisch gibt es bei der Greater Bay Area Costumers Guild auch eine sehr ausführliche Info-Seite; die Links dort sind allerdings leider schon veraltet.

 

1) "la notte bruna", die 'braune' Nacht, im Text von Monteverdis "l'Orfeo" von 1608
2) Vollständiges Färbe- und Blaichbuch zu mehrem Unterricht, Nutzen und Gebrauch für Fabrikanten und Färber. Ulm: August Lebrecht Stettin, 1780. Abrufbar bei Google Books.
3) Es kommt immer wieder vor, daß sich jemand herausgefordert fühlt, mich zu widerlegen, indem sie/er das eine oder andere Bild ausgräbt. Da gilt einerseits das eingangs zum Thema Farbe gesagte (Malpigmente? Verblassen?), und andererseits: Es geht hier darum, welche Farben für eine glaubwürdige Darstellung geeignet sind. Das eine Trumm in Quietschorange, das Du vielleicht gefunden hast, macht diese Farbe noch lange nicht zu einer Farbe, die das 18. Jh. glabwürdig repräsentiert. Zu einer Woodstock-Mottoparty ziehst Du doch auch typische 68er Farben und Muster an, oder?
4) z.B. Historical Fashion in Detail, S. 66
*) Es gibt einige wenige Beispiele, wo Seide mit Verdickungen verwendet wurde, v.a. für Futter. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um Honan oder Shantung, aber nicht um das, was heute als Dupion verkauft wird. Nicht alles, was Verdickungen hat, ist Dupion!