Fischbein und sein Ersatz

 

Wir alle, die wir historische Kostüme schneidern, stehen irgendwann vor dem Problem: Was sollen wir anstatt des historisch verbürgten Fischbeins verwenden?

 

Definition und Geschichte

Der Begriff "Fischbein" ist recht verwirrend, da weder Fische noch Bein (also Knochen) im Spiel sind. Fischbein wurde aus den Barten der großen Wale hergestellt, und Wale sind bekanntlich (?) Säugetiere. Die Barten sind lange, faserige, hornartige Platten, die bei Bartenwalen (z.B. Blauwal, Buckelwal, Finnwal) die Zähne vertreten und dazu dienen, Plankton aus dem Wasser zu filtern. Von der Konsistenz her ist Fischbein also flexibler, als die Assoziation "Knochen" vermuten läßt.

Fischbein ist gleichzeitig steif und flexibel, und zwar in genau dem Verhältnis, wie es für Schürbrüste und Paniers ideal war. Zudem war es, seiner faserigen Natur wegen, leicht spaltbar, so daß man es relativ mühelos zu Streifen der gewünschten Breite und Dicke verarbeiten konnte. Kein anderes Material wies all diese Eigenschaften auf, und so wurde die Walpopulation im Lauf des 18. und 19. Jh. fast bis zur Ausrottung der Eitelkeit geopfert*.

Fischbein war nie billig, und so verwendete man gern auch andere Materialien. Für Reifröcke des 18. Jh. bot sich biegsames Holz (Hasel, Weide) an, weil das etwas mehr an Dicke nicht störte. Schnürbrüsten findet man Weide, gelegentlich auch Riedgras und in dünne Streifen geschnittenes Holz. Metall war ungeeignet, weil es schwer und unflexibel war – und wenn es flexibel war (z.B. Draht), dann kehrte es nicht in die Ursprungsform zurück: Es federte nicht. Erst Mitte des 19. Jh. konnte sogenannter Federstahl (d.h. Stahlstreifen, die wieder in die ursprüngliche Form zurückfederten, wie man sie zuerst für Uhren verwendet hatte) so produziert werden, daß sie für Krinolinen oder Korsetts brauchbar waren. Vor allem für Krinolinen setzte sich Federstahl sehr schnell als bevorzugtes Material durch.

Im 19. Jh. machte sich eine Eigenart des Fischbeins unangenehm bemerkbar, die wegen der geraden Linien der Schnürbrüste des 18. Jh. bis dahin unbemerkt geblieben war: Biegt man es dauerhaft stark in eine Richtung, wie es in den sanduhrförmigen Korsetts des 19. Jh. der Fall war, bricht es. Nicht so bald wie die Ersatzmaterialien, aber irgendwann doch. Man versuchte es eine zeitlang mit wendbaren Korsetts, aber entweder half das nichts, oder die Herstellung derselben war zu teuer: Jedenfalls ist mir diese Lösung nur aus einer Zeitungsannonce bekannt, so als ob die Idee sang- und klanglos in der Versenkung verschwand.

Mit fortschreitender Ausrottung der Wale wurde Fischbein immer teurer, so daß man sich gegen Ende des 19. Jh. nach Ersatz umsah. Schon im 19. Jh. wurden Horn und Stahl verwendet; letzteres ab ca. 1900 vor allem in Form flachgepreßter Spiralen, wie man sie heute noch kaufen kann. Stahlspiralen sind sehr biegsam – anders als echtes Fischbein auch seitwärts – und wurden im sehr frühen 20. Jh. für die kurvigeren Teile des Korsetts empfohlen. Sie wurden in Stoffhüllen geschoben, während Fischbein direkt verwendet werden konnte.

 

Heutiger Ersatz

Um gleich einmal eventuelle Ideen abzubiegen, daß man ja doch irgendwie an Fischbein herankommen könnte, z.B. in Japan oder bei den diversen indigenen Völkern, die noch Wale fangen dürfen: Produkte aus geschützten Arten dürfen laut Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen nur mit Ausnahmegenehmigung ex- und importiert werden. Selbst wer den Papierkrieg dafür auf sich nimmt und eine Genehmigung bekommt, steht vor dem Problem, die dicken Barten-Platten zu brauchbaren Stäben zu verarbeiten. Aber eigentlich sollte auch der größte Brachialauthentiker einsehen, daß hier eine Grenze ist, die man nicht überschreiten sollte. Bei aller Liebe zur Authentik, der auch ich huldige: Die Bartenwale, die zufälligerweise auch noch die größten und, gleich nach Delphinen und Orcas**, wahrscheinlich intelligentesten Lebewesen dieses Planeten sind, sind sowieso schon vom Aussterben bedroht. Müssen wir uns da noch durch unzeitgemäße Nachfrage nach Barten zu Sargträgern machen?

Heute gibt es im Grunde nur drei Möglichkeiten, ein Korsett zu versteifen: Plastikstäbe, Federstahl oder Stahlspiralen. Man kann sich auch an den historisch verbürgten Ersatzstoffen versuchen, aber es kommt nicht von ungefähr, daß Fischbein immer bevorzugt wurde. Bei den diversen Sorten von Holz und Horn muß man obendrein erstmal selbst Hand anlegen, um brauchbare Stäbe herzustellen. Dabeben gibt es noch Peddigrohr, das hie und da mit linsenförmigem Querschnitt angeboten wird. Das ist allerdings ebensowenig historisch verbürgt wie Plastik.

Nachdem ich etwas mit echtem Fischbein experimentiert habe, das ich aus völlig zerschlissenen Miedern gefischt hatte, kann ich sagen: Modernes Plastikfischbein (z.B. von Wissner, siehe Bezugsquellen) ist ein sehr guter Ersatz, in mancher Hinsicht (v.a. das Brechen bei starker Biegung) sogar besser als das Original. Hier ein Bild: oben Stahlspirale, links Stahlband, rechts Plastik, unten eine Korsettschließe. Und so sieht echtes Fischbein aus.

Vergleicht man Stahl und Plastik, findet man, daß Stahl etwas steifer ist als doppelt so dicke Plastikstäbe, aber wesentlich schwerer. Dafür kann Plastik dort, wo es stark geknickt wird, zu Materialermüdung neigen, was auf Dauer zu Wundreiben führt. Das ist hauptsächlich bei Schnürbrüsten des 18. Jh. der Fall. Für die richtige Auswahl des Ersatzes bei Schnürbrüsten gibt es eine extra Seite.

Für Korsetts des 19. Jh. ist Plastikfischbein von 1x10 mm durchaus brauchbar, aber für gekurvte Nähte sind Spiralstäbe besser, weil sie sich seitwärts biegen lassen. Ausschließlich Spiralstäbe wären nicht so geeignet, denn eigentlich sind sie zu biegsam, um den Körper in Form zu pressen.

Für Paniers des 18. Jh. sowie für Krinolinen des 19. Jh. würde ich jederzeit Federstahl empfehlen, z.B. im Maß 13x1 mm (dabei wird die Kunststoffummantelung mitgemessen). Für sogenannte Käfigkrinolinen, bei denen die Stäbe nicht in Tunnel gesteckt, sondern von Bändern zusammengehelten werden, sind Bänder von 7x1,5 mm besser geeignet, weil sie stärker und doch etwas leichter sind.

Rigilene besteht aus dünnen runden Plastikstäbchen, die mit Plastikfaden zu einem Band verwebt sind, so daß man es auf einen Basisstoff aufnähen kann. Es ist anscheinend in Deutschland nicht leicht erhältlich, was sehr erfreulich ist, denn es ist als Ersatz für Fischbein völlig ungeeignet, weil zu biegsam.

Echtes Fischbein kann in heißem Wasser oder über Dampf erweicht werden, so daß es sich in eine Form biegen läßt, die es nachher auch behält. Das geht mit Plastik und Stahl natürlich nicht. Plastik kann man evtl. sehr, sehr vorsichtig in Form bügeln. Aber beklage Dich nicht, wenn Du nicht vorsichtig genug warst und das Zeug schmilzt und am Bügeleisen Fäden zieht!

 

 

*) Natürlich ging esbei der Waljagd nicht nur um Fischbein, sondern auch um Tran, Walrat und Fleisch. Die Mode ist nicht allein schuld!
* *) Ob die Menschen nach den Delphinen die zweite, nach Delphinen und Orcas die dritte Stelle einnehmen oder erst nach den großen Walen drankommen, dessen bin ich mir noch nicht sicher. Aber eines ist sicher: Platz eins nehmen wir nicht ein.

  Wednesday, 24-Apr-2013 21:19:21 MEST