1760er Contouche



Eines Tages sah ich in "Barbara Johnson's Album" eine karierte Stoffprobe, die einer Robe zugedacht war. Das Ergebnis muß für heutige Augen ausgesehen haben, als sei es aus einem alten Küchenvorhang gemacht. Aber genau das faszinierte mich: Ohne diese Vorlage würde ich gesagt haben, karierte Stoffe seien für Roben des 18. Jh. unmöglich. Dann sah ich eine karierte Française in "Revolution in Fashion" (auch in "Fashion" enthalten), und da war es um mich geschehen: Ich mußte eine karierte Robe haben! Die Karos durften nicht diagonalsymmetrisch sein, also senkrecht und waagerecht genau gleich, denn beide Vorbilder hatten in die eine Richtung deutlich mehr Streifen als in die andere.

Wenig später fand ich denn auch ein Leinenmischgewebe mit eingewebten Karos. Zwar waren Senkrechte und Waagerechte fast gleich stark gestreift, aber immerhin war das waagerechte Streifenmuster anders als das senkrechte. Die Originale waren zwar Seidentafte gewesen, aber die sind noch schwieriger zu einem vernünftigen Preis zu finden.

Als Schnitt wählte ich denselben, den ich auch für meinen allerersten Versuch verwendet hatte, nämlich einen aus Janet Arnold mit Taillennaht. Eine solche hatte auch die Robe aus "Revolution in Fashion".

Da ich 10 Meter Stoff bei 150 cm Breite zur Verfügung hatte, war ich nicht sparsam, so daß die Rückenfalten sehr tief und stoffreich sind. Das Karomuster ist einerseits schwierig, weil es einen zwingt, sehr gerade Watteaufalten zu legen, andererseits hilft es auch, indem man sich an den Streifen orientieren kann. Das extra geschnittene vordere Rockteil war nicht ohne, da es schräg geschnitten ist - sollen nun die waagerechten Streifen waagerecht hängen, oder die senkrechten Streifen senkrecht? Ein Blick in "Revolution in Fashion": Die senkrechten Streifen hängen senkrecht.

Bild: von hinten

Als Futter für den Oberstoff nahm ich ein altes, relativ grobes und dicht gewebtes Leinen-Bettuch. Es ist steif genug und neigt nicht zum fransen.

Entgegen meiner Präferenz für offene Roben mit Stecker machte ich diesmal eine Compère. Ein kariertes Kleid, noch dazu aus Leinen statt Seide, so dachte ich mir, wäre ein Tageskleid gewesen, also wäre ein so unkomplizierter Verschluß gerade recht. Das Frühstück von Liotard schien zu zeigen, daß die Compère nicht direkt an der Vorderkante befestigt war. Ich machte also die Compère so breit, daß sie weit unter die Vorderkante reicht, und befestigste sie mehrere cm von der Vorderkante einwärts. Nun stellten sich aber die Vorderkanten auf, selbst ohne daß die Schnürung im Rückenfutter festgezogen war. Vielleicht war die Compère im Liotard-Bild ja ein Stecker, der so tat, als ob er eine Compère sei - anders kann ich mir das nicht erklären. Ich habe dann die Compère entlang der Vorderkante noch einmal festgenäht.

Die Knöpfe machte ich aus den billigsten Knöpfen, die ich finden konnte - ich wollte sie mit Kleidstoff beziehen, also war das Innenleben egal. Die Knopflöcher nähte ich von Hand aus Leinenzwirn. Für ein Leinenkleid, noch dazu eines, in dessen Muster Weiß (die Farbe des Zwirns) vorkam, war das gerade recht - ansonsten hätte ich farblich passende Kopflochseide bevorzugt, denn der Zwirn macht die Knopflöcher sehr steif.

Die Jupe ist dekoriert mit zwei Volants, deren unterer ca. 25 cm breit ist, der andere ca. 20 cm. Beide sind mit einem 6 cm breiten Zäckeisen ausgezäckt. Bei der 1750er Contouche berichtete ich ja, daß ein Halbkreis-Zäckeisen nich gar so schön sei - diesmal hatte ich das neue, Drittelkreis-Zäckeisen zur Hand. Von der Taille abwärts bis zum Saum läuft ein ca. 10 cm breiter Streifen; von der Taille aufwäts, um den Nacken und wieder runter ein ca. 4-5 cm beiter Streifen, alle gerade aufgenäht. Diese letzteren und die Ärmelvolants habe ich mit dem alten, 2,5 cm breiten Zäckeisen gemacht. Das waren über 20 Meter zu zäcken, und danach hatte ich einen üblen Krampf im Schlagarm, denn der Stoff war weitaus zäher als zuletzt der Seidentaft.

Wenn ich mich wieder aufraffen kann, zäcke ich noch zwei schmale Streifen, die sich zwischen den zwei Jupe-Volants bzw. darüber schlängeln sollen.

Gerade heute habe ich das Kleid, bis auf die letztgenannten zwei Rüschen (die eh optional sind) fertiggestellt, indem ich den Saum von innen mit einem weißen Leinenstreifen belegt habe, der ihn vor Abrieb und Schmutz schützt.