Neues aus Beiderwand

Soeben kam im Fratzenbuch eine Suchanzeige für entlaufene Dienstboten vorbei, die für so einen kurzen Text sehr viel zu meinen Beiderwand-Forschungen beiträgt:


(The Pennsylvania Gazette 31.6.1766)

Five shuttle work und three shuttle work bedeuten m.E., daß der weber mit 5 bzw. 3 Schiffchen arbeiten mußte, d.h. die Röcke wiesen dementsprechend viele Farben auf. Das heißt zwar noch nicht zwangsläufig, daß alle diese Farben bunt waren, deutet aber stark darauf hin, daß Beiderwand nicht nur in Skandinavien, sondern auch in Nordamerika 1. vielfarbig und 2. schußgestreift war.
Außerdem haben wir nun einen außerskandinavischen Beleg für Manteaux de Lit aus Beiderwand.

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Details 2 — Roben, Ärmel, Sensationen

Wie bei jedem Jahrmarktschreier geringfügig übertrieben. 😉

Wer Ärmel mit Flügel-Aufschlägen machen will, steht zwangsläufig vor der Frage, was wo wie befestigt wird. Die Vorstellung, daß der hintere Teil des Flügels frei flottiert und es dabei womöglich gar von hinten an den Ellenbogen zieht, widerstrebt dem modernen Empfinden. Und so sieht man dann auf historischen Veranstaltungen oder im Film die allerseltsamsten Konstruktionen: Flügel, die rundum am Ärmel angenäht werden, womöglich noch auf den Oberarm verlegt (siehe “Katharina die Große” im Gruselkabinett), oder sie werden oben zugenäht oder, ganz originell, es wird ein halbmondförmiger “Deckel” oben auf den Flügel gesetzt.

Deshalb fotografiere ich leidenschaftlich gern von unten und hinten in Ärmel hinein.

Bei einer Seidendamast-Jacke in der “Kleiderwechsel”-Dauerausstellung des Germanischen Nationalmuseums scheinen die Flügel tatsächlich fast rundum angenäht zu sein, bis auf eine Fingerbreit. Das weicht aber so stark von den meisten anderen Kleidungsstücken ab, daß sich die Frage stellt, ob das von Anfang an so war – oder ob nicht irgendein Besitzer im Lauf der Jahrhunderte auch dieses oben erwähnte Widerstreben empfand und Maßnahmen ergriff. Oder vielleicht ist die Versteifung der Flügel ihrem Gewicht nicht gewachsen, so daß sie unschön herunterhingen, wenn sie normal angenäht wären. Fragt nicht, wie ich auf sowas komme… Continue reading

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Nachts im Museum — Details 1

Ich wollte ja schon lange mal ein paar spannende Detailfotos historischer Textilien zeigen, aber erst seit gestern habe ich Bildmaterial ohne Urheberrechtsprobleme. Als ich das letzte Mal Gelegenheit hatte, in einem Museum Fotos zu machen, hatte ich in einem Anfall geistiger Umnachtung darauf verzichtet, die gscheite Kamera mitzunehmen. Die kann doch auch nur 13MP, genau wie die Handycam, also reicht das Handy doch, oder? Pustekuchen. War ich enttäuscht, als ich daheim die Fotos auspackte!

Aber gestern war ich bei einem Bloggerwalk im Bayerischen Nationalmuseum, und als ich dann die Bilder sichtete, war klar: Jetzt muß es raus!

Das Handy hatte ich natürlich auch dabei, so daß man hier den Unterschied schön sehen kann:

Aber kommen wir zum Wesentlichen: Die Klamotten. Wenn man aus Richtung der Jagdabteilung kommt, lockt schon von Ferne eine Robe à la Française aus Baumwollstoff, und man denkt: Och, hübsch. Chintz. Und ja, an manchen Stellen glänzt der Stoff auch wie gechintzt. Aber nein, der handelsübliche Zitz des 18. Jahrhunderts war gedruckt – dieser hier ist bemalt.

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Beiderwand: Fertig

Beim nähen des Rockes ist mir ein Fehler unterlaufen, also mußte ich ihn eine Weile weglegen. Jetzt ist er endlich fertig.
Hier präsentiert mit der handgewebten Leinenschürze, und oben hängt die grau-grau gestreifte Beiderwandschürze mit einem gestreiften (nicht selber gewebten) Taillenband.

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Kette Leinen, Schuß Wolle

Heilig’s Blechle, vor lauter weben und nähen habe ich ein Jahr schon nichts mehr gepostet!

Dabei habe ich in der Zwischenzeit sogar historisches gewebt, nämlich karierte Leinenstoffe nach Stoffproben aus dem 18. Jh. Da war allerdings nichts außerordentlich spannendes oder speziell historisches daran, außer eben, daß jeweils exakt dieses Karo historisch nachweisbar war.

Aber mein jetziges Projekt ist etwas spannender. Ich muß allerdings ein wenig ausholen.

Aus der englischsprachigen Literatur zum 18. Jh. kenne ich einen Stoff namens linsey-woolsey, bestehend aus Leinenkette und wollenem Schuß. Er wird als eher grob, einfach beschrieben, ein Stoff für arme Leute. Aber andererseits wurden Bettvorhönge daraus gemacht, das klingt gar nicht so einfach und sieht auf Fotos erhaltener Stücke auch nicht sonderlich grob aus – manche Exemplare aber schon.
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Direkt zetteln

Wie in dem Eintrag über die Montage einer Direktzetteleinrichtung schon gesagt: Es gibt nicht viel an guten Infos zum Thema. Und dann sind auch noch alle Fadenführgeräte verschieden. Wie genau man die Fäden da durch führt, vor allem mit Längenzähler, erschließt sich so ganz ohne Hilfe höchtens nach sehr viel nachdenken und experimentieren.

Am wertvollsten waren Helgas PDF zum Thema und ein Bild des Künzlschen Geräts in deren Katalog.

Klar ist schon mal, daß man die Kettfäden auf so viele Spulen verteilen muß, wie man pro Sektion braucht, und da eine Sektion normalerweise 2 cm breit ist, ist das das doppelte der Fadenzahl pro Zentimeter. Deshalb hatte ich die Spulengestelle gebaut.

Bei meinen Handtüchern sollten 12 Sektionen in der Mitte weiß sein, dazu eine an jedem Rand, also insgesamt 14. Die geplante Fadendichte ist 13F/cm. Ich brauchte also 26 Spulen mit je 14x errechnete Kettlänge (8 m), macht 112 m. Bei einer Garnstärke von 16/2 hat ein Gramm eine Lauflänge von 8 m. 112/2=14. D.h. 14 Gramm Garn pro Kettspule. Continue reading

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Schnürbrustfutter 4 — fertig

Nach dem Abweben mußte das Schnürbrustfutter drei Tage wässern. Die Kettfäden, die sich zu Dreiergruppen zusammengeschoben hatten, weil sie zu dritt durch das Riet gezogen waren, verteilten sich dabei allmählich wieder gleichmäßig. Ich denke, das ist einer der Gründe für das lange Wässern.schnurbrustfutter-1 Continue reading

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Spulengestell bauen

Wenn man eine Direktzetteleinrichtung hat, braucht man doppelt so viele Spulen voller Kettfäden, wie man Fäden pro cm geplant hat. Bei meinen Web-Gewohnheiten bedeutet das nicht unter 20 Spulen und in näherer Zukunft bis zu 40. Zu kaufen gibt es entsprechende Spulengestelle für ca. 240 €. Aber diese Gestelle sind eigentlich recht einfach gebaut, das müßte man doch selber…? Continue reading

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Direktzettel montieren

Das Schnürbrustfutter ist seit gestern abgewebt und muß nun noch 1-2 Tage wässern, bevor es in die Kochwäsche geht. Über meine Erfahrungen mir meiner ersten Leinenkette werde ich berichten, wenn das Endergebnis vorliegt.

In der Zwischenzeit hatte ich eine Direktzetteleinrichtung geordert. Das ist zwar teuer (v.a. das Fadenführgerät), aber wenn ich bedenke, wie lange ich jedesmal am Schärrahmen stehe und wieviel Arbeit es mich gekostet hat, wenn sich ein Kettzopf doch mal verheddert hat, dann ist es das wert.

Im Vorfeld hatte ich schon mal nach Anleitungen gesucht, wie man den Direktzettel montiert, auf deutsch und englisch, Google, Youtube und Ravelry. Das Ergebnis war nahezu null. Via Ravelry fand ich den Hinweis, daß es bei Leclerc ein PDF mit einer Montageanleitung gebe. Die bestätigte, was ich mir schon gedacht hatte.

Und so ging es gleich nach dem Abweben ans Werk.

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Schnürbrustfutter 3

Hin und her, her und hin. Zuerst hatte ich das Blatt mit 13F/cm gestochen, aber das Gewebe wurde mir nicht dicht genug. Also umgestochen auf 15F/cm. Jetzt ließ sich der Schuß noch schlechter anschlagen, zwischen den einzelnen Schüssen waren riesige Lücken. Also doch zu dicht? Umgestochen auf 12F/cm.

Das ist immer noch Mist: Was ich gerade webe, ist praktisch Stramin. Aber es läßt sich ums Verrecken nicht fester anschlagen! Argh! Mir fiel aber keine Lösung mehr ein, also webe ich das jetzt so ab und hoffe, daß die Nachbehandlung für eine hinreichende Schrumpfung sorgt.

Ein Teil des Problems ist sicherlich die Schlichte: Sie macht die Kettfäden noch steifer, als sie von Natur aus schon sind. Und luftgetrocknetes Leinen ist schon ganz schön steif.

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