Knöpfe links, Knöpfe rechts



Immer wieder wird die Frage gestellt, verschiedene Theorien diskutiert - und am Ende gehen alle wieder so ratlos auseinander, wie sie zusammenkamen: Warum sind bei Männerkleidung die Knöpfe rechts, bei Frauenkleidung aber links?

Die am häufigsten geäußerte Theorie besagt, daß Männer sich selber anzogen, während Frauen sich von einer Zofe zuknöpfen ließen, und weil die meisten Menschen Rechtshänder sind, drehte man die Knopfleiste der Zofe zuliebe um.

Einer anderen zufolge wollte man den Frauen ihre angebliche Minderwertigkeit vor Augen führen, indem man sie zwang, die Knöpfe mit der untergeordneten Hand zu schließen. Diese Theorie geht also davon aus, daß die Frauen sich eben doch selber zuknöpften, und widerspricht damit der vorigen.

Beide Theorien finde ich ziemlich wacklig. Die erste impliziert, daß ein signifikanter Anteil der weiblichen Bevölkerung eine Zofe zur Verfügung hatte. Dabei bedeutet "signifikant" nicht unbedingt "zahlreich", sondern vielmehr "einflußreich". Je nach der betrachteten Epoche ist es tatsächlich so: Die Reichen hatten Zofen und bestimmten die Mode. Aber reicht der Einfluß auch bis zu so unwichtigen Details wie der Knopfleiste? Und was ist mit den Dienern der Herren, die es auch gab? Die zweite Theorie wirkt etwas mittelalterlich. Auch wenn es bis um 1900 herum Leute gab, die an die Minderwertigkeit der Frau glaubten: Warum sollte ausgerechnet eine Knopfleiste die Frauen knechten, wo sie doch allenthalben an schlimmere Begrenzungen stießen, wie z.B. bei Eigentumsregelungen, Wahlrecht, Studium? Beide Theorien gehen davon aus, daß die Händigkeit eine Rolle spielt. Allzu viel Feinmotorik braucht man beim Knöpfen aber nun auch wieder nicht - Linkshänder haben mit keiner der Richtungen ein Problem - ; außerdem benutzt man für gewöhnlich sowieso beide Hände.

"Je nach der betrachteten Epoche": Welche Epoche betrachten wir überhaupt? Seit wann gibt es die rechts-links-Unterscheidung? Wenn wir wissen, wann die Entscheidung fiel, erfahren wir vielleicht auch, warum. Betrachten wir also einmal historische Abbildungen.

Bis zum späten 18. Jh. kommen Knöpfe an Frauenkleidung eher selten vor; die Abbildungen lassen die Knöpfrichtung meistens nicht erkennen. Immerhin fand ich ein Beispiel aus dem 14. Jh., bei dem die Knöpfe rechts zu sitzen scheinen, sowie zwei ebenfalls rechtsgeknöpfte aus dem 17. Jh. Im späten 18. Jh. finden sich relativ häufig Knöpfe an Frauenkleidern, z.B. an Compères, Jacken und Rédingote-Kleidern - immer rechts, also auf der "Männerseite". Im Empire sind Knöpfe wieder seltener; Rechtsknöpfungen überwiegen deutlich. In den 1830ern fand ich beides selten und zu etwa gleichen Anteilen, dann bis zu den frühen 1850ern nichts. In den 50ern überwiegen Linksknöpfungen ein wenig. Ab den späten 1860ern kommen Knöpfe an Frauenkleidung recht häufig vor - alle links.

Der Wandel von "vornehmlich rechts" zu "vornehmlich links" muß sich also zwischen ca. 1810 und 1860 vollzogen haben, wobei bis 1860 noch nichts endgültig entschieden war. Nun waren ab Mitte des 18. Jh. hauptsächlich Frauen für die Herstellung von Frauenkleidung verantwortlich - hätten die sich für eine Herabsetzung der Frauen gemäß der zweiten Theorie hergegeben? Und wenn ja, warum blieben sie dann über 50 Jahre lang bei der "männlichen" Rechtsknöpfung? Zofen gab es im 18. Jh. ebenso wie später, also warum dauerte es so lange, bis man ihnen zuliebe (laut der ersten Theorie) die Knopfleiste umdrehte? Warum sollte man überhaupt etwas mit Rücksicht auf die Dienerschaft tun? Sollen die sich doch krummlegen, dafür werden sie schließlich bezahlt! Außerdem dürften im 17. und 18. Jh. der Zahl der Frauen, die eine Zofe hatten, ebensoviele Männer gegenüberstehen, die einen Leibdiener hatten. Bei der großen Anzahl der Knöpfe an den Westen und Justaucorps des späten Barocks und des Rokokos (weitaus mehr Knöpfe als an Frauenkleidung) wäre es nachvollziehbar, wenn sich auch die Männer helfen ließen – wie leicht könnte man schief knöpfen! –, zumal sie sich für die unteren Knöpfe (o Schreck!) hätten bücken müssen.

Einen guten Hinweis gibt Janet Arnold in bezug auf die Mode des späten 19. und frühen 20. Jh.: Wie zum Ausgleich dafür, daß die Nähmaschine die Herstellung von Kleidung einfacher machte, wurde die Konstruktion derselben durch Raffungen und Garnitur verkompliziert. "Sie waren so kompliziert im Aufbau, daß es die Hilfe einer Zofe erforderte, sie zu schließen." (Patterns of Fashion 2, S. 4) Einige Jahre später stellt Thorstein Veblen seine Theory of the Leisure Class (1899) auf, derzufolge es im späten 19. Jh. Aufgabe der Frauen war, Reichtum durch auffälligen Müßiggang zu demonstrieren. Eine Stunde oder mehr zum Anziehen zu brauchen, sich ohne eine Zofe nicht anziehen zu könnnen - das wäre demnach ein Statussymbol. Eine Knopfleiste links könnte also ein Code sein, der Eingeweihten signalisiert: "Ich lasse mich von einer Zofe anziehen!" Zeitlich würde das passen. Aber wären nicht Verschlüsse im Rücken, wie es sie schon vor 1860 und auch danach noch gab, ein noch viel deutlicheres Signal gewesen? Trotzdem sind Rückenverschlüsse eher selten.

Nun war aber auch das späte 19. Jh. eben jene Zeit, in der die Frauen sich um Emanzipation zu bemühen begannen, was sie u.a. dadurch taten, daß sie Elemente der Männerkleidung in die Frauenkleidung übernahmen. Hätte die Linksknöpfung symbolisch für Unselbständigkeit und/oder weibliche Minderwertigkeit gestanden, wäre sie wahrscheinlich relativ früh aufgegeben worden, um an einer eher unspektakulären, aber symbolisch bedeutsamen Stelle das neue weibliche Selbstbewußtsein anzuzeigen. Aber es war eher das Gegenteil der Fall: Die Zeit, als sich Emanzipation erstmals in Kleidung ausdrückt (z.B. im Bloomerkostüm, 1849) fällt ungefähr mit der zusammen, in der die vorherrschende Rechtsknöpfung anfängt, durch die "weibliche" Linksknöpfung abgelöst zu werden.

Das führt zu einer ganz neuen Theorie: Da die Frauenkleidung allmählich immer mehr Merkmale männlicher Kleidung übernahm, um Emanzipation zu symbolisieren (dieser Vorgang war wohlgemerkt m. E. den Zeitgenossen nicht bewußt, oder zumindest nicht den meisten und nicht in voller Tragweite, und erschließt sich nur in der Rückschau), wurde es nötig, ein Unterscheidungsmerkmal zu etablieren, das deutlich machte, daß das Kleidungsstück trotz seiner Ähnlichkeit mit Männerkleidung ein weibliches war. Sonst könnte ja jemand glauben, die Trägerin hätte einen Männermantel, ein Männerhemd etc. angelegt, und ihr daraus einen moralischen Strick drehen: Die Kleidung des anderen Geschlechts zu tragen, war noch bis vor wenigen Jahrzehnten ziemlich anrüchig. Da sich die Frauenmode in den folgenden Jahren immer mehr der Männermode anglich - man denke an Blazer und Hosenanzüge - wurde dieser kleine Unterschied immer wichtiger. Am Ende des 20. Jh. war die Angleichung soweit gediehen, daß oft nurmehr die Knopfleiste darüber Auskunft gab, ob ein Hemd ein Männerhemd oder eine Frauenbluse war: Der Schnitt war der gleiche.

Meiner persönlichen Theorie nach - die ich, im Gegensatz zu den typischen Vertretern der obigen Theorien, nicht als Faktum auszugeben versuche - ist also die rechts-links-Unterscheidung eine Folge der allmählichen Angleichung von Frauen- und Männermode und der daraus folgenden Notwendigkeit, ein quasi unmißverständliches Unterscheidungsmerkmal zu haben.

Leider hat dieser Artikel die ursprüngliche Frage nicht definitiv beantwortet, sondern den vielen Theorien nur eine weitere hinzugefügt, die die Verfasserin für die plausibelste hält. Aber so ist es nun mal in der Wissenschaft.

 

Wednesday, 24-Apr-2013 21:19:12 MEST